Miami Files

Ricardos Tagebuch: Death Masks 2

November 27, 2012 23:40

Irgendwann war es vorbei. Die Söldner lagen am Boden, ebenso zwei Bewohner des Viertels, und die Gestalt mit der Yansa-Maske – männlicher Körperbau, aber weibliche Bewgungen, vermutlich eben wegen der Maske, die er trug – verschwand im Nevernever.
Wir standen völlig verblüfft da und starrten auf das Chaos, da kam Macaria Grijalva zu uns und erklärte, der Typ in der Maske sei Alberto gewesen, einer der drei Orunmila-Ältesten, die mit Camerone verhandelt hatten. Und er habe alle drei Masken an sich gebracht.
Dann ging sie wieder, um „aufzuräumen“, wie sie sagte.

In einer Seitenstraße wurden zwei überlebende Söldner gerade von einem Dutzend Anwohnern übel verprügelt, stellten wir fest. Edward und ich versuchten beide, den Mob von den beiden Söldnertypen wegzubringen, aber ohne Erfolg. Die hörten einfach nicht auf uns. Und dann kam Totilas dazu, und alles lief aus dem Ruder.
Denn der Mob erkannte ihn als White Court und ging geschlossen auf ihn los – und auf Edward und mich gleich mit.

Zwölf gegen drei: das sah trotz Edwards und Totilas’ Kämpferqualitäten nicht gerade gut aus. Ziemlich als erstes schob Edward mich aus der Kampflinie, zu einer Hauswand und dem Müllcontainer davor, und baute sich zwischen mir und dem Mob auf, um mir etwas Deckung zu verschaffen. (Edward weiß eben, dass ich im Kampf nicht sonderlich nützlich bin. Dagegen sollte ich vielleicht mal was tun. Immerhin scheinen wir häufiger in solche Situationen zu geraten…)
Das hinderte jedoch einen der aufgebrachten Leute nicht daran, mich anzugreifen und mich gegen die Mülltonne zu rammen. Mit dem Rücken genau in den Griff am Container. Au.

Immerhin konnte ich so auf den Müllcontainer klettern und war somit erstmal aus der Schusslinie. Aber Edward und Totilas bekamen unten ziemlich übel eingeschenkt, und ich wollte nicht einfach so tatenlos herumstehen. Also griff ich mir einen der Blumentöpfe, die ein Stückchen über mir außen auf einer Fensterbank standen und warf ihn nach einem der Typen, die Edward beharkten. Nur – madre mia, wie peinlich! – hatte ich nicht sonderlich gut gezielt. Der Kerl fing
den Blumentopf sauber ab, sah einen Moment lang darauf, schrie mich wutentbrannt an: „Der gehört meiner Mama, du Arschloch!" und schleuderte ihn zurück. Und im Gegensatz zu meinem kläglichen Versuch war das ein perfekter Pitch, der mich voll am Kopf traf. Au. Verdammt!

Edward sah einen Moment lang so aus, als wolle er auch zu mir hochklettern, aber hey, er ist Edward. Er war viel zu wütend, um sich aus dem Kampf zurückzuziehen. Also blieb er  unten und prügelte sich weiter. Inzwischen hatten auch Roberto und Alex gemerkt, was da bei uns in der Seitenstraße los war.  Roberto rief von draußen laut „Policía!“ – nicht so, als sei er selbst einer, sondern als wolle er die anderen warnen, dass die Cops unterwegs seien. Aber der aufgebrachte Mob hörte ihn gar nicht.

Von meinem Container aus konnte ich dann sehen, wie Roberto irgendwas aufhob. Und dann kam er in die Gasse gelaufen, und ich hörte ihn rufen: “Das könnt ihr doch nicht machen! Wisst ihr, wen ihr da verprügelt? Das ist Ricardo Alcazár, der bekannte Literat und Latino-Aktivist!” Als auch das nichts fruchtete, watete er durch die Menge und hielt mir, „Autogramm! Autogramm!“ rufend, etwas zum Signieren hin. Es war das, was er zuvor aufgehoben hatte, irgendein völlig verranztes gedrucktes Etwas – ein Telefonbuch oder etwas in der Art, das irgendwer weggeworfen hatte.

Ich war derart baff, dass ich ihn nur anstarren konnte. Alle Anwesenden waren völlig baff, sogar der Mob. Vermutlich hätte ich mich gleich darauf aus meiner Schockstarre befreit und ihm das was-auch-immer-es-war tatsächlich signiert, wenn nicht in diesem Moment Alex in einem schwarzen Humvee – offensichtlich ein Fahrzeug der Söldnertruppe, das er kurzerhand requiriert hatte – in die Gasse gefahren wäre.

Totilas – der übrigens selbst ziemlich übel zugerichtet aussah – rief mir zu, ich solle runterspringen, und machte sich bereit, mich aufzufangen, aber es war wesentlich leichter, von dem Müllcontainer aus auf das Autodach zu klettern und sich an der Dachreling festzuhalten, also machte ich lieber das. (Erstens war es wesentlich leichter, und zweitens sah ich einen kurzen Augenblick lang vor meinem geistigen Auge das Bild von einem Paparazzo aufblitzen, wie der mich in Totilas’ Armen fotografierte. No gracias. Auch wenn weit und breit kein Paparazzo zu sehen war. Besser nicht.)

Wir sammelten die beiden verletzten Söldner ein, und ich kletterte sobald wie möglich vom Dach in den Wagen, dann fuhren wir erst einmal zum Arzt. Einer der beiden Paramilitärs war sehr schlimm dran, würde es aber hoffentlich überleben. Den anderen brachten wir unter Hinweis darauf, dass er und seine Leute ganz schön im Dreck steckten und vermutlich von allen möglichen Seiten gelinkt würden und es in seinem eigenen Interesse sei, mit uns zu reden, dazu, dass er uns seine Version der Geschichte erzählte.

Seine Truppe arbeite für Gerald Raith, sagte er. So habe sein Commander jedenfalls gesagt; er selbst habe den Auftraggeber nie gesehen. Der Trupp sei vom Commander etwa vor einem halben Jahr zusammengestellt worden, um in Little Havanna Ärger zu machen. Mehr wusste er nicht, und wo sich das Hauptquartier der Söldnereinheit befand, wollte er auch nicht sagen.

Wir überließen ihm den Humvee – immerhin gehörte er seiner Truppe –, und er fuhr damit davon… allerdings nicht, ohne dass Roberto sein Handy im Auto „vergessen“ hatte. Damit und mit der GPS-App, die wir alle installiert haben, damit wir uns bei Bedarf finden können, ließ der Mann sich leicht verfolgen. Er fuhr hinaus in die Everglades, und wir folgten ihm in einigem Abstand, denn wir wollten ja vermeiden, dass er auf uns aufmerksam wurde.

Vielleicht wäre das, was dann passierte, anders passiert, wenn wir uns mehr beeilt hätten. Vermutlich aber auch nicht. Vermutlich war es ganz gut, dass der Kampf, als wir ankamen, schon in vollem Gange war.

Wieder stießen wir auf das reinste Chaos. Auf dem Gelände der Söldner kämpften zwei Parteien gegeneinander. Oder besser, zwei Seiten. Und eine der Seiten bestand aus einer Person. Von den Paramilitärs war schon so gut wie niemand mehr übrig, und die, die noch lebten, versuchten verzweifelt, sich aus dem Staub zu machen. Der Mann in der Yansa-Maske, mit allen Yansa-Fähigkeiten, stand gegen Cicerón Linares und seine Leute – und die waren selbst nicht ohne. Sie hatten nämlich offensichtlich Shango kanalisiert und waren nun in vollem übernatürlichen Modus unterwegs. Alberto, der Orunmila-Älteste, hatte keine Chance, Yansa-Maske oder nicht. Die Santo Shango umstellten ihn, trafen ihn immer wieder. Und schließlich rammte Cicerón Linares ihm ein Messer in den Rücken, und der alte Mann ging zu Boden.
Alex versuchte noch, zu ihm hinzukommen, aber da waren einfach zu viele Santo Shango in aggressivster Kampflaune, die sich dazwischenstellten. Padre en el cielo, perdonarnos, wir mussten Alberto liegen lassen.

Linares ging zu dem Gefallenen hin und zog ihm mit triumphierender Miene die Yansa-Maske vom Gesicht, dann suchte er Albertos Taschen ab und brachte auch die beiden anderen Masken zum Vorschein. Mit einer davon kam Linares zu uns herüber und hielt sie Alex hin – die Eleggua-Maske. Mit Alex’ ‘Boss’ wolle er nichts zu tun haben, sagte er, der sei viel zu unberechenbar. Alex sah einen Moment lang so aus, als wolle er die Maske nicht annehmen, tat es dann aber doch, mit etwas unglücklichem Gesicht.
Die Yansa-Maske war ja das Ziel der ganzen Aktion gewesen, also gab Linares die natürlich nicht her, aber auch die von Oshun behielt er für sich. Roberto fragte danach, musste aber hören, dass die Santo Shango das erst einmal innerhalb ihrer eigenen Priesterschaft besprechen würden. Aber vielleicht könne man ja zu einem Deal kommen. Roberto solle doch mal mit Macaria Grijalva reden und zu vermitteln versuchen, die sei nämlich auf Linares & Co. nicht sonderlich gut zu sprechen.

Da sich die Situation jetzt ein wenig beruhigt hatte und Linares’ Gang nicht mehr in vollem Kampfmodus war, wollten wir uns natürlich auch um Alberto kümmern. Doch der hatte den Kampf nicht überlebt. O Dios, acepte su alma.

Oh, und ratet mal, wer noch dort war, Römer und Patrioten. Ganz recht. Niemand anderes als Ilyana Elder. Ha. Soviel zum Thema Ritual, das ein paar Tage dauere und nicht unterbrochen werden dürfe. Sie hatte an dem Kampf zwar nicht aktiv teilgenommen, sich das Ganze aber interessiert und als offensichtlicher Teil der Gang angeschaut.
Wir richteten ihr aus, dass ihr Onkel Samuel sich Sorgen um sie mache, was sie zwar zur Kenntnis nahm, sich davon aber nicht in ihrem Entschluss beirren ließ, bei den Santo Shango zu bleiben. Sie sei erwachsen und wisse selbst, was gut für sie sei, erklärte sie überzeugt, und davon abbringen konnten wir sie nicht. Immerhin leierte ich ihr noch die Zusage aus den Rippen, sie werde mit Samuel reden, nicht dass das was ändere.

Wie nebenbei erwähnte Linares dann auch, dass er wisse, wo Ocean sei. Denn – das hatte ich bisher noch gar nicht erwähnt – Totilas’ junge Cousine (eigentlich Tante, denn sie ist die Tochter von Gerald und Crysanthema Raith, und Gerald ist ja immerhin Totilas’ Großvater, aber hey, Ocean ist siebzehn und Totilas Anfang Zwanzig, da klingt das Wort ‘Tante’ einfach falsch) war von zuhause abgehauen, das hatten wir in einem Telefongespräch mit Cherie erfahren. Gerald selbst war auch verschwunden, erzählte Cherie Edward, während im Hintergrund irgendein Feuergefecht ablief. Irgendwas an den Raith’schen Pot-Feldern anscheinend. Ein Angriff des Red Court oder so. Cherie war verständlicherweise mehr als kurz angebunden, und Edward, obwohl er versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen, machte sich doch einige Sorgen.

Jedenfalls war Gerald verschwunden, Ocean ebenso, aber Linares sagte jetzt, er wisse, wo sie sei. Und er werde sein Wissen sogar mit uns teilen, wenn Totilas verspräche, auf seinen Großvater einzuwirken, damit dieser die demnächst eintretenden Gegebenheiten widerspruchslos akzeptiere.
Was das für Gegebenheiten genau sein würden, erwähnte er nicht.
Totilas wiederum erklärte, er könne nicht versprechen, dass Gerald auch auf ihn hören werde, aber er verspreche, das Thema bei ihm anzusprechen. Damit zeigte sich Linares dann auch zufriedengestellt.
Ocean befinde sich in dem alten Raddampfer, der vor bestimmt zwanzig Jahren mal als Touristenattraktion in die Everglades gebracht worden war. Seit dieses Unternehmen glorreich scheiterte, rottete der alte Kahn an seiner Kette langsam vor sich hin. Sogar ein Vogelschutzgebiet war vor einigen Jahren um ihn herum entstanden.
Und Ocean werde dort gefangen gehalten, behauptete Linares. Vom Red Court oder Red Court Söldnern oder etwas in der Art.

Als wir bei dem alten Dampfer ankamen, spähten wir also erst einmal die Lage aus. Zuerst war keine Bewegung zu sehen, aber dann entdeckten wir ein vernageltes Kabinenfenster, an dem es ratterte und rüttelte, als wolle sich jemand dort befreien, und außerdem die Silhouetten von zwei Wachtposten auf dem Oberdeck.
Roberto und Alex sorgten für Ablenkung, indem sie mit einem Glades-Boot, das Alex irgendwo auftreiben konnte, sich für Ornithologen ausgaben, die hier den seltenen blauen Wasserläufer beobachten wollten. Indessen schlichen Edward, Totilas und ich uns über das Schaufelrad an der Seite des Schiffes an Bord.
Allerdings hatte es eine ganze Weile gedauert, bis Alex und Roberto mit dem Boot angtuckert kamen und die Wachtposten ablenkten. Die Kabine, in der Ocean allem Anschein nach festgehalten worden war, war jedenfalls jetzt leer; nur noch ihr Rucksack lag dort. Den durchsuchte Totilas schnell, aber dann warf er plötzlich den Kopf hoch, weitete die Augen und eilte aus dem Raum, hastig gefolgt von Alex und mir. Offensichtlich hatte er mit seinen White Court-Sinnen irgendwas bemerkt.

Aber dazu brauchte es nicht mal White Court-Sinne. Das konnte sogar ich spüren, dass da etwas in der Luft lag. Eine Anspannung. Ein Knistern. Geballte Erotik, die um so stärker wurde, je näher wir ihrer Quelle kamen. Die Quelle, das war der Salon des alten Dampfers, wo vier Kerle, die anscheinend gerade wachfrei hatten, dabei waren, sich um Ocean zu prügeln. Drei rangelten wild miteinander und mit dem Vierten. Dieser Vierte befand sich in einer gierigen Umarmung mit Totilas’ Cousine, seine Lippen fast mit ihren verschmolzen, die Körper, obgleich noch fast vollständig bekleidet, eng aneinandergepresst, und er bemerkte überhaupt nicht, wie das Mädchen ihn schwächte.

Im Zuge der Geschichte mit Totilas’ Vater letztes Halloween hatte ich ja erfahren, was es mit White Court-Jungfrauen auf sich hat: Dass sie noch keine vollen Vampire sind und durch die Macht der wahren Liebe diesen Fluch loswerden und zu ganz normalen Menschen werden können – aber eben nur, solange sie noch niemanden mit ihren White Court-Kräften getötet haben. Wenn dies einmal geschehen ist, dann ist derjenige für immer ein Vampir.

Letztes Halloween hatte Ocean uns noch erzählt, wie sehr sie darauf hoffte, einmal ihre wahre Liebe zu finden, und dass sie nie zum Vampir werden wolle. Doch jetzt hatte sie offensichtlich die Kontrolle an ihren Dämon verloren: Sie hatte die typischen silbernen White Court-Augen bekommen und war kräftig dabei, ihr erstes Opfer zu machen.

Aus Totilas’ entsetztem Aufschrei wurde klar, dass er das nicht zulassen konnte und wollte, und so stürzten wir uns alle in den Kampf. Es entstand ein wildes Getümmel, in dem wir Ocean das eine potentielle Opfer entreißen konnten, sich aber sofort einer der anderen Kerle auf sie stürzte und sie mit dem weitermachte. Die Typen waren dummerweise ziemlich gut ausgebildet und nicht abgelenkt genug, um uns nicht auch noch mit anzugreifen.

In dem ganzen Chaos kam keiner von uns ungeschoren davon. Ich war unbewaffnet, griff mir aber von einem der Billardtische in dem Salon ein vergessenes Queue, um wenigstens nicht ganz hilflos dazustehen, oder vielleicht sogar irgendwas damit erreichen zu können. So versuchte ich, mit dem Queue den Kerl aus Oceans Umarmung zu ziehen – leider nicht sehr erfolgreich. Aber einen anderen Effekt hatte der Versuch. Um den Söldner wegzuziehen, musste ich ja dicht an die beiden heran… und plötzlich bemerkte ich, wie begehrenswert das junge Mädchen vor mir doch war. Mein Verstand wusste genau, dass ich das Mädchen eigentlich nicht begehrte, dass das nur die White Court-Pheromone waren, die Oceans Dämon ausschüttete, denn er wollte mich ebenso gewinnen wie die Söldnertypen. Aber, O madre mia, mein Körper und mein Instinkt reagierten dennoch. Mit einem Mal fühlte ich mich unglaublich angezogen von Ocean Raith, und ich musste aufpassen, dass ich nicht ebenso über sie herfiel wie die Kerle.

Irgendwann tauchten auch Alex und Roberto auf, genau wie die beiden Wachtposten von oben, was den Kampf nochmals verschärfte. Ich bekam gar nicht mit, was Alex genau tat, aber er muss ein Tor ins Nevernever geöffnet haben, denn plötzlich brachen wir alle durch den Boden des Salons. Und landeten im Heizraum des Schiffes – oder besser, dem Äquivalent des Heizraums des Schiffes im Nevernever, denn der Kessel hier dampfte auf vollen Touren, und etliche rußbedeckte Gestalten schaufelten Kohlen in die Heizöffnung, als gebe es kein Morgen. Andere wuselten herum und hielten jedem von uns drängend eine Schaufel hin.

Wir waren noch damit beschäftigt, Ocean von ihrem Opfer zu trennen und uns der übriggebliebenen Gegner zu erwehren, aber Alex nahm eine Schaufel und begann zu helfen, sah ich aus dem Augenwinkel. Erst als es Totilas gelungen war, Ocean bewusstlos zu schlagen und wir den Söldner – stark geschwächt, aber noch am Leben – von ihr weggezogen hatten, stellten wir fest, dass Alex offensichtlich gar nicht freiwillig bei der Sache war, sondern unter irgendeinem Zauber stand. Er schaufelte wie besessen, war gar nicht ansprechbar, und der Rußstaub hatte unnatürlich schnell jeden freien Zentimeter seiner Haut bedeckt.

Roberto war der erste, dem es auffiel, und der Edward mit einem lauten „NEEEIN!“ davon abhielt, sich ebenfalls eine Schaufel zu greifen. Und dann waren all unsere Bemühungen darauf gerichtet, Alex zu befreien. Das war gar nicht so einfach, weil wir nicht wagten, seine Schaufel zu berühren, damit wir nicht ebenfalls unter diesen Zauberbann gerieten. Ein kräftiger Tritt gegen die Schaufel brachte Edward nur angeschlagene Zehen ein, aber schließlich gelang es uns mit Hilfe meines bewährten Allzweck-Queues, das wie die ganzen anderen losen Gegenstände auch durch das Portal ins Nevernever gefallen war.

Erst als Alex wieder zu sich kam, fiel uns auf, wie schwer Totilas in dem Kampf verwundet worden war. Neben weniger ernsten Blessuren, hatte er eine richtig üble Schusswunde, die er bis eben aber dank des Dämons in sich gerade noch hatte ignorieren können. Nun aber sackte er in sich zusammen… nur um sich einen Moment später wieder aufzurichten, mit den silbernen Augen seines Dämons, der die Überhand über Totilas’ sonst so eiserne Disziplin gewonnen hatte, und uns hungrig anzustarren.
Dass er sich auf einen von uns stürzen würde, war unvermeidlich. Eine Sekunde lang war alles wie in einem erstarrten Tableau, dann machte Edward eine kleine, resignierte Handbewegung und stellte sich schützend vor uns andere.
Und so war er es, den Totilas in einen heftigen Kuss zog, um sich zu heilen, wie schon einmal. Oder wenigstens zu stabilisieren, denn so einen Lungenschuss heilt nicht einmal ein White Court-Vampir auf die Schnelle.

Irgendwann hatte Totilas sich wieder genug unter Kontrolle, dass er von Edward abließ. Der machte ein steinernes Gesicht und versuchte zu tun, als sei nichts geschehen, und wir anderen hielten uns ebenfalls mit dummen Sprüchen zurück – dazu war die Situation zu ernst. Unsere ehemaligen Gegner, die an diesem irrwitzigen Ort viel zu verwirrt waren, um weiterzukämpfen und sich stillschweigend ergeben hatten, taten das kleine Techtelmechtel wohl ohnehin als weitere Seltsamkeit ab, die sie besser ignorierten.

Alex führte uns dann jedenfalls auf den üblichen verschlungenen Wegen zurück. Totilas trug dabei seine bewusstlose Cousine, Alex deren völlig erschöpftes Opfer.
Der Weg endete in Pans Palast – wieder einmal, und ich konnte nicht verhindern, dass ich mich ständig nervös umsah, solange ich mich dort aufhielt. Zurück in unserer eigenen Welt war die nächste Station der Familienarzt der Raiths im Biltmore Hotel. Der war wenigstens im Bilde und stellte keine Fragen bezüglich der Schusswunden und Totilas’ eindeutig nicht menschlichem Blut und all dem.
Eine unserer ersten besorgten Fragen galt natürlich Ocean, aber der ging es, gracias a Dios, einigermaßen gut. Und da sie niemanden getötet hatte, war sie nicht zum Vampir geworden, sondern blieb weiterhin eine White Court-Jungfrau.

Nachdem der Arzt uns entlassen hatte, fand Totilas eine Mitteilung auf dem Anrufbeantworter seines Handys. Da hatte wohl jemand versucht, ihn zu erreichen, als sein Telefon im Nevernever und somit außer Empfangsreichweite war. Beim Abhören der Nachricht wurde er bleich und spielte sie uns dann nochmal per Lautsprecher vor: Es war Camerone Raith, die behauptete, sie habe Gerald und Ocean in ihrer Gewalt, und wenn Totilas die beiden retten wolle, solle er zur Waystation kommen. Allein. Und idealerweise vor Einbruch der Dunkelheit. Böses Lachen. Pieeeep. Wenn Sie die Nachricht noch einmal abhören möchten, drücken Sie bitte die Eins. Mierda.

Nun gut. Ocean hatte Camerone offensichtlich nicht mehr, und sie schien auch von unserer Befreiungsaktion noch nichts zu wissen. Immerhin etwas, aber das mit Gerald klang gar nicht gut. Natürlich fuhren wir zur Waystation hinaus, Römer und Patrioten, und zwar in Alex-gemäßem Eiltempo, denn bis zum Dunkelwerden war gar nicht mehr lang Zeit.

Bei dem Glades-Lokal angkommen, schickte Selva Elder uns in eines der Nebenzimmer, wo Camerone Raith schon auf Totilas wartete. Wobei Nebenzimmer nicht ganz das richtige Wort ist. Denn die Waystation ist ja ein typischer Everglades-Bau, auf Stelzen teilweise über das Wasser gebaut und teilweise ohne Wände und nach außen offen. Und in einem solchen Raum wartete Camerone. Gerald Raith war bei ihr, auf allen Vieren kauernd und in die enge Lederkluft eines BDSM-Untergebenen gekleidet. Zu dieser Kluft gehörte auch ein Halsband mit Ring, durch den eine Kette geschlungen war, an dem seine Mutter ihn festhielt. Das Oberhaupt der Familie Raith in Miami sah besiegt aus, gebrochen – aber als ich genauer hinsah, konnte ich etwas in seinen Augen erkennen, das aussah, als spiele der Mann die Niederlage nur, als warte er nur auf den richtigen Moment zum Zurückschlagen.

Camerone Raith grinste süffisant und siegesgewiss. Vor ihr auf dem Tisch lag eine Maske, über deren glatte Holzoberfläche sie immer wieder besitzergreifend strich. Oshun. Auch Totilas sah immer wieder zu der Maske hin, als könne er den Blick nicht davon abwenden.
Ilyana Elder war auch im Raum, lehnte unbeteiligt an einer Säule und beobachtete. Seine Urgroßmutter befahl Totilas, sich ebenfalls fesseln zu lassen, aber der weigerte sich. Daraufhin drohte Camerone Raith mit ihrer Gewalt über Ocean, aber Totilas grinste sie nur an und meinte: „Soso. Meinst du.“ Selva Elder wies Camerone darauf hin, dass es sich bei der Waystation um Accorded Neutral Ground handele, es also in Ordnung sei, wenn Totilas sich freiwillig gefangen nehmen lasse, wie Gerald Raith das offensichtlich getan hatte (denn der wehrte sich überhaupt nicht gegen die Kette), aber zwingen könne und werde sie niemanden. Niemand zweifelte an ihrer Fähigkeit, die Bestimmungen der Unseelie Accords auch durchzusetzen, denn nicht nur machte Selva Elder selbst einen höchst kompetenten Eindruck, unten im Wasser direkt unter dem Raum lungerten auch etliche Krokodile herum, bei denen es sich mit allergrößter Wahrscheinlichkeit um Elders in Wer-Form handelte.

Das war der Moment, in dem der Red Court seinen Auftritt hatte, in der Gestalt von Sancia Canché und Lucia Valdez. Totilas’ Mutter hatten wir zuletzt kurz nach Halloween gesehen, nach der Aktion, in der sie ihrem Sohn das Herz herausgerissen und hinterher erklärt hatte, irgendwann werde sie ihn und das Monster, das in ihm wohne, schon noch bekommen. Sagte damals die Red Court-Vampirin, wohlgemerkt. Und jetzt wirkte sie nicht viel weniger wahnsinnig.

Aus den Worten, die Sancia mit Camerone Raith wechselte, wurde deutlich, dass die beiden Vampirinnen ein Geschäft gemacht hatten. Anscheinend hatte Camerone, für welche Gegenleistung auch immer, versprochen, ihr Totilas und Gerald zu liefern. Und nun war Sancia ziemlich verärgert darüber, dass Camerone ihren Teil der Abmachung nicht eingehalten hatte – immerhin war Totilas noch frei und weigerte sich standhaft, sich seiner Mutter zu ergeben.
Dass man ihn dazu zwinge, erklärte Selva Elder erneut, werde sie nicht zulassen. Immerhin sei die Waystation neutraler Boden.

Von Totilas’ Weigerung immer mehr in Rage versetzt, schnappte sich Camerone Raith plötzlich die Maske, setzte sie auf und wiederholte den Befehl erneut: Offensichtlich wollte sie Totilas mit Hilfe der Maske beherrschen. Der jedoch reagierte gar nicht darauf, und Roberto grinste triumphierend und murmelte „wusste ich’s doch!“
Anscheinend hatte er die vorgebliche Oshun-Maske schon von Anfang an als Fälschung durchschaut.

Nachdem Camerone mit ihren Beherrschungsversuchen keinen Erfolg gehabt hatte, nahm Sancia das Heft in die Hand und wollte Totilas zum Aufgeben überreden. Der jedoch dachte gar nicht daran, sondern schleuderte seiner Mutter seinen Widerstand entgegen. Davon bis aufs Blut provoziert, griff die ihren Sohn an, neutraler Boden oder nicht.
Es kam zu einem heftigen Kampf, bei dem Lucia Valdez erfolglos versuchte, der anderen Vampirin in den Arm zu fallen und wir übrigen uns zunächst zurückhielten, um den neutralen Boden nicht zu verletzen. Erst als Selva Elder in ihrer Rolle als Hausherrin eingriff, konnten wir auch aktiv werden.

Sancia Canché hatte ihrem Sohn ziemlich zugesetzt. Als der Kampf einen Moment lang abebbte, schnappte Totilas sich Geralds Kette und wollte sich mit seinem Großvater absetzen, aber so abgelenkt war Camerone Raith dann doch nicht. Sie schnitt den beiden den Weg zur Tür ab und hob bedrohlich ihr Handy.
„In Geralds Halsband ist ein Sprengsatz eingearbeitet!“, erklärte sie. „Und ich kann ihn jederzeit zünden!“

Madre mia. Damit hatte keiner gerechnet. Aber Camerone meinte es ernst, todernst. Totilas erstarrte mitten im Schritt und brach dann in die Knie, wild vor sich hin brabbelnd und murmelnd, weil es ihm nicht gelungen war, seinen Großvater zu retten.
Indessen stritten sich die beiden Vampirinnen weiter. Es ging noch immer darum, dass Camerone Raith ihren Teil der Abmachung nicht erfüllt habe. Aber da diese ja immerhin Gerald liefern konnte und Totilas somit gezwungen sei, sich Sancia Canché zu ergeben, wenn diese erstmal ihren Schwiegervater in den Händen habe, wurden sie sich dann doch einig. Camerone würde Sancia erst einmal Gerald übergeben, der Rest käme dann schon von selbst.

Nun hatte aber auch Selva Elder genug gehört. Sie schnappte Camerone Raith das Handy mit dem Zünder weg und verwies beide Vampirinnen des Lokals. Die White Court akzeptierte den Rauswurf, aber die Red Court verlor die Kontrolle und drehte durch. Völlig wahnsinnig griff sie Totilas erneut an und wollte ihn ein und für alle Mal umbringen, doch Edward warf sich ihr in den Weg.

Das war der Moment, in dem Selva Elder sich in ihre Krokodilsgestalt verwandelte und Sancia Canché ebenfalls angriff. Auch Lucia Valdez fiel ihrer Chefin in den Arm, um sie aufzuhalten, während ich versuchte, meine Freunde irgendwie aus der Kampfzone zu ziehen. Mit einem irren Schrei riss Sancia sich los und verschwand ins Freie, während Camerone Raith sich die Kette schnappte, an der ihr Sohn befestigt war, und ebenfalls mit ihm verschwinden wollte. Aber da hatte sie die Rechnung ohne Roberto gemacht. Der hatte ja die vermeintliche Oshun-Maske als Fälschung identifiziert und auch erkannt, dass irgendein Zauber darauf lag, damit Camerone die Fälschung nicht bemerkte. Schnell entschlossen griff er sich also nun die Maske und warf sie ins Wasser hinunter. Camerone schrie auf, ließ Geralds Kette los und stürzte sich ohne zu zögern der Maske hinterher.

Und nun zeigte sich, dass der Anführer des Raith-Clans von Miami tatsächlich nicht so geschlagen war, wie er seine Mutter hatte glauben machen. Er überzeugte Ilyana Elder, die noch immer unbeteiligt an der Wand lehnte, dass Camerone nicht entkommen dürfe, woraufhin die junge Frau  sich in ihre Krokodilsgestalt verwandelte, ins Wasser glitt und mit den anderen Wer-Elders zusammen untertauchte. Die Wasseroberfläche schäumte und gurgelte, und kurze Zeit darauf färbte sie sich rötlich ein. Santísimo Padre del cielo…

Als wieder Ruhe eingekehrt war, erfuhren wir von Ilyana Elder, dass es Cicerón Linares bei der ganzen Aktion vor allem um die Pot-Felder der Elders gegangen war. Bis dato hatten die Elders immer Gerald Raith den Vertrieb und somit die größten Gewinne überlassen, aber der alte Patriarch des Werkrokodils-Clans, Tutmoses Elder, fühlte sich von dem ganzen Ärger zwischen den White Courts und den Red Courts, die ständige Angriffe auf die Felder unternahmen, so genervt, dass er Linares das Geschäft versprach, wenn dieser nur für Ruhe sorgen würde.

Das also waren also die neuen Gegebenheiten, über die Totilas gemäß seinem Versprchen an den Gangster mit seinem Großvater besprechen sollte. Und Gerald konnte nicht anders, als die Zähne zusammenzubeißen und dem Santo Shango diesen Sieg zuzugestehen. Denn auch wenn Totilas nur versprochen hatte, dass er mit seinem Großvater reden werde und nicht, dass dieses Reden auch von Erfolg gekrönt sein würde, bedeutete es in der Praxis doch genau das. Denn wenn Totilas nur redete, aber nicht lieferte, dann wüssten alle in der Szene, dass man sich auf Totilas’ Wort nicht verlassen konnte, oder schlimmer noch, dass er in den Reihen der Raith’ nichts zu sagen hatte. Dass die Raith nicht mit einer Stimme sprachen. Und das konnte und wollte sich Gerald nicht leisten. Also biss er in den sauren Apfel und akzeptierte.
Aber erst einmal war ein dritter Arztbesuch fällig – diesmal nicht nur beim Raith-Familienarzt im Biltmore, sondern gleich im eigenen Krankenhaus des White Court.

Auf dem Weg dorthin fragten wir Gerald aus, was denn genau mit ihm passiert sei. Er hatte sich seiner Mutter ergeben, weil die ihn mit seiner Tochter erpresst hatte. Wenn er ihr nicht Folge leiste, hatte Camerone gedroht, werde sie Ocean umbringen lassen. Camerone Raith war es auch gewesen, die Cicerón Linares verraten hatte, wo dieser den alten Orunmila Alberto finden könne. Im Gegenzug dafür hatte sie die Oshun-Maske verlangt, die ja vor etwa 80 Jahren schon einmal in ihrem Besitz gewesen war.
Gerald und Totilas wollte sie Sancia Canché übergeben, um die beiden aus dem Weg zu schaffen und Camerone selbst wieder zur Herrin des White Court in Miami zu machen – und die Red Court-Vampirin wollte Camerone dann wohl mit Hilfe der Oshun-Maske beherrschen.
Das Halsband von Geralds Sklavenkluft enthielt übrigens doch keinen Sprengstoff. Da hatte seine Mutter einfach nur unglaublich überzeugend geblufft.

Es war auch nicht Angél Ortega, der das Geheimnis der Masken im Suff ausgeplaudert und damit den Stein überhaupt erst ins Rollen gebracht hat. Der hatte nämlich ein Alibi, stellte sich dann heraus, und konnte somit gar nicht derjenige gewesen sein. Wir vermuten, dass auch hier Camerone ihre Finger im Spiel hatte und jemanden – Ximena O’Toole? Immerhin arbeitete die für sie und hat magische Fähigkeiten – beauftragt hatte, in Angéls Gestalt diese Gerüchte zu streuen.

Oh, und Sancia Canché hat die Stadt für’s erste wieder verlassen, und bei den Roten Vampiren sind wieder die vorherigen Verhältnisse mit Orféa Baez an der Spitze des Red Courts eingekehrt. So zumindest erzählte Lucia Valdez vor ein paar Tagen Roberto, der ja ein alter Bekannter von ihr ist.
Und wenn es nach mir geht, kann Sancia gar nicht weit genug von Miami weg sein. Wenn ich sie nie im Leben wieder sehe, ist das noch zu früh. Aber ich fürchte, es könnte wesentlich schneller gehen. Denn sie hat ja noch immer Rache an ihrem Schwiegervater und ihrem Sohn geschworen…

Für Cicerón Linares ging die ganze Aktion natürlich ideal aus. Ich glaube, besser hätte es gar nicht laufen können für ihn und die Santo Shango. Mierda. Ich bin gar nicht so sicher, ob mir das gefällt. (Milde ausgedrückt.) Immerhin sind die Santo Shango eine verdammte Gangster-Bande. Und irgendwie befürchte ich, dass wir mit denen auch nochmal ganz böse aneinandergeraten könnten.

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